Zur Geschichte der Eingeborenenmusik vom Westlichen Bodensee

 

Im 19. Jahrhundert ging unserer Region die traditionelle Volksmusik verloren. Eine Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden muss. Ich will mich hier mit einigen Zitaten begnügen, die ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

 

Carl Ferdinand Schmalholz, Musiklehrer am Konstanzer Gymnasium, verfasste im Jahre 1834 einen Aufruf zur Gründung eines „Gesangsvereins am Bodensee“. Als Vereinszweck nannte er:

Mittel zur Bildung des Gefühls fürs Schöne; Weckung des Sinnes für veredelten Gesang unter allen Volksklassen; Hebung des Kirchengesangs; Verdrängung roher und schmutziger Kneipen- und Gassenlieder“.

 

Die liberale „Konstanzer Zeitung“ legte im Juli 1837 nach:

Gewiss ein Zweck, der ebenso lobenswert ist, als dessen Erreichung notwendig. Denn wer weiß – und es ist leicht zu wissen – welch erbärmliche Lieder, welch elende Gesänge, Zoten und Gassenhauer in dem Munde des Volkes sind, der wird es im Interesse der Humanität und Sittlichkeit finden, diesem, leider allzu lange schon bestehenden moralischen Krebsschaden, durch zweckmäßige Mittel möglichst entgegenzuwirken, und der wird gewiss einige Mühe oder geringe Kosten nicht scheuen, um auch das Seinige hierzu beizutragen … (was) der Wunsch eines jeden Biedermannes sein muss.“

 

Die „Biedermänner“ hatten eigene Vorstellungen davon, wie und was „das Volk“ singen sollte:

In seinen Liedern kommt unseres deutschen Volkes ganzes Wesen zum innigsten Ausdruck. Die zartesten Regungen der Seele, heilige Andacht, Minnesehnen und Minneglück, Freude an Wald und Flur, Freude an den Gaben des Lebens, aber auch mannhafte Kampfeslust, opferwillige Vaterlandsliebe und trotziger Freiheitswille, all diese Gefühle finden in den Klängen des deutschen Liedes ihr tönendes Leben. Der Gesang ist den Deutschen nicht nur eine Freude, er ist ihnen ein Bedürfnis. Eine große Bedeutung hat die Sangeslust auch durch ihre vereinigende Kraft, dadurch daß sie Gleichgesinnte zu gemeinsamem Wirken zusammenführt.“

(Richard Klötzschke: Geschichte des deutschen Männergesangs. Dresden 1927)

 

Verdrängt werden kann ja nur, was vorhanden ist:

Obwohl wir wissen, daß die Spielleute im Tanzhaus oder an der Dorflinde nicht nur zum Tanz aufspielten, sondern auch Lieder vortrugen, bleibt das Lied des einfachen Volkes fast vollständig im Dunkeln. Oft wird Musik nur erwähnt, wenn es um Verbote oder um Vergehen der Musikanten geht. So kritisiert z.B. die Ratzenrieder Herrschaft in einem Maiengebot, daß man bei den Kunkelstuben schändliche 'Buhl- und Rauppenlieder' sang. Mit 'Buhlliedern' waren Liebeslieder gemeint, mit 'Rauppenliedern' grobe, vielleicht unanständige Lieder; stattdessen sollten die Ratzenrieder beim Spinnen 'ehrliche und vorzüglich geistliche und angewohnte Kirchenlieder singen'. … Oberschwäbische Mundart-Lieder (sind) Mangelware. Dieses Phänomen hängt sicherlich (auch) mit dem Minderwertigkeitskomplex der Schwaben zusammen. Seit Jahrhunderten wird ihnen nachgesagt, sie seien einfältig, rückständig, tölpelhaft und ängstlich und ihre Sprache klinge wie das Quaken der Frösche. Was wundert es, wenn die Schwaben krampfhaft versuchen, ihren Dialekt zu vertuschen und deshalb lieber hochdeutsche als schwäbische Lieder singen. … Alte Lieder gelten hier eben als 'altmodisch', und handgeschriebene Liederhefte werden als 'altes Glump' ins Feuer geworfen“.

(Berthold Büchele: Schwäbisch g'sunge. Lieder und Bräuche aus Oberschwaben und dem Allgäu. Ratzenried 2000)

 

Berichte über den Alltag des „einfachen Volkes“ im 19. Jahrhundert aus anderen als bürgerlichen Quellen sind selten. Der Landwirt Peter Störk (1828-1916) aus Emmingen ab Egg (damals Landkreis Konstanz, heute Landkreis Tuttlingen) hat eine Chronik über Geschichte und Alltag seines Hegau-Dorfes verfasst:

Die Musik war früher, wie meine Großeltern sagten, mit Schwebelpfeife, Geige-Baß und Hakbrett. Aber um 1820 brachte Anton Gnirs Gallis das erste Klarinet aus Munzingen u.a. dem Elsaß, und so hatte man eine sehr schöne Musik, besonders von 1850 bis 1880. Um diese Zeit stand hier Musik und Gesang am höchsten und schönsten. Es wurde in den Spinnstuben, auf der Gasse und auf Versammlungen viel Gesungen. Beim Tanz wurden damals Vortänz ausgerufen von den Spielleuten. Z.B.: 'Hö, etz sind drei Ehretäz ausgerufen, die kehret im Mühlijörg! Daß ihm konn dreifahr!' Es gab aber vielmal Händel, weil vornehmere Leute oder bessere Zahler öfter ausgerufen wurden. Oft hatte einer ein Mädchen bei sich im Wirtshaus, man nahm sie ihm weg zum Vortanz; oder man fuhr im unaufgefordert drein, so gab es Schlägereien.' … 'Hö, etz sind drei Ehretäz ausgerufen, die kehret im Eremies!' Dieser konnte den Traliederidom und den Englischen Baurentanz, den viele nicht kannten. Bei jenem machte man besondere Bewegungen selbst mit Händen und Fingern nach der Musik, dies war alles sehr schön, alles sah erfreut zu, alle wollten es sehen und standen auf, ja die Neugierde erhöhte sich, wenn dann der Thaden Hannes in seinen Lederhosen mit rotem Leible ein gefülltes Bierglas auf den Kopf stellte und den Walzer in Reihen tanzte, ohne etwas zu verschütten. … Seit 1880 hört man selten schön Singen. Es hat auch die Schulreform Musik und Gesang gelähmt. Und Kirche und Staat haben Veränderungen erlitten. Der Kulturkampf hat in mancher Gemeinde einen anderen Gesang verordnet und Zwietracht hervorgebracht.“

(Peter Störk: Beschreibung über Emmingen ab Egg.

Handschriftliche Chronik, ca.1900)

 

Einen heftigen Kulturkampf erlebte Baden von 1860 – 1880 zwischen katholischer Kirche und protestantischem Herrscherhaus mit liberaler Beamtenschaft, der die friedliche Koexistenz beider Konfessionen fast unmöglich machte und der die konfessionsfreie Schule durchsetzte.

 

Bis zur napoleonischen Flurbereinigung (1803-1810) war die Bodenseeregion (trotz politischer Zerstückelung) eine kulturelle Einheit. Jetzt waren neue Identitäten gefragt. So sollten die bisher österreichischen Schwaben aus Konstanz ab 1806 gute badische Patrioten werden. Das Bürgertum gab die Richtung vor – man wollte modern sein. Hier standen sich zwei politische Lager gegenüber, die zur „nationalen Frage“ und zur Lösung der innerstädtischen Probleme unterschiedliche Einstellungen hatten:

Die Anhänger der kleindeutsch-preußischen Lösung hatten einen durch straffe Disziplin, harte Arbeit und innerweltliche Askese erreichten, geradezu erzwungenen Aufschwung der Stadt vor Augen. Sie wollten alle Kräfte konzentrieren und anspannen, um in der städtischen Entwicklung einen Sprung nach vorne zu machen. So wie Preußen sollte Konstanz aus eigener Kraft groß werden, sich, wie es bei dem Modell Preußen immer hieß, 'großhungern'. Nicht von ungefähr wurden diese Liberalen später mit dem Schimpfnamen 'Preußen' belegt. Die Anhänger der großdeutschen Richtung wollten die Stadt nicht mit einem solchen Kraftakt, nicht so 'gewaltsam', sondern eher allmählich, um nicht zu sagen gemächlicher, voranbringen. Das aber bedeutete auch, daß von dieser Seite her die lebenslustige Bequemlichkeit und das Ausweichen vor der auf das große Ziel gerichteten Anstrengung sowohl im Gewerbe als auch in der Stadtverwaltung...eher toleriert bzw. hingenommen wurden. Man wollte oder konnte von dieser Seite her an den Gewohnheiten, zuerst zu leben, dann zu arbeiten und das Leben eher in den althergebrachten Bahnen verlaufen zu lassen, nichts ändern. Diesem Modell war mit dem Ausscheiden Österreichs aus dem nationalen Einigungsprozess nach der Niederlage von 1866 der Boden entzogen worden. Bis 1866 war es aber innerstädtisch die tonangebende Richtung.“

(Gert Zang: Konstanz in der Großherzoglichen Zeit. Geschichte der Stadt Konstanz Bd. 4/1.

Konstanz 1994)

 

Zu Beginn der 1860er Jahre noch ohne politische Macht in den katholischen Gebieten, hatten sich die Liberalen des Bildungswesens angenommen. Alte Mentalitäten und Denk- und Lebensweisen, die ihren Zielen entgegenstanden, sollten eliminiert werden, wofür nicht zuletzt die Lehrer zuständig waren:

Die (ausschließlich männlichen) Volksschullehrer des 19. Jahrhunderts erhielten in ihren Ausbildungsstätten ausnahmslos auch eine musikalisch-praktische Ausbildung, die sie nicht nur auf den schulischen Musikunterricht, sondern auch auf die nebenamtliche Tätigkeit als Kirchenmusiker vorbereiten sollte. Die vokale Praxis dieser Ausbildung fand naturgemäß in Männerstimmen-Ensembles statt. Während ihrer Berufstätigkeit arbeiteten die Absolventen dann auf dem Lande in der Regel als einziger Lehrer an Dorfschulen oder in kleinen Gruppen in Kleinstadtschulen. Um den Chorgesang weiter pflegen zu können, fanden regionale Zusammenkünfte statt. Die meist von Lehrern geleiteten ländlichen Männerchöre, auch Kinder- und Kirchenchöre haben dann den Brauch dieser Sängerfeste übernommen. Wie die Turnervereinigungen sind die Männerchöre, ihre Zielsetzungen, Organisationsformen und Aktivitäten vor dem Hintergrund der politischen Situation in Deutschland zu sehen.“

(Hermann J. Busch: Gesangsfeste zwischen 1845 und 1871 im Spiegel der Zeitschrift 'Euterpe'. In: Sabine Schutte (Hrg.): Ich will aber gerade vom Leben singen...Über populäre Musik vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik. Reinbek 1987)

 

Die instrumentale Volksmusik war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein weitgehend sich selbst überlassen. Das änderte sich, wo immer sich Lehrer dieser Musik annahmen. Das Spiel wurde „qualitätsmäßig besser“ und man lernte Notenlesen. Weiterhin wurde Unterhaltungsmusik gespielt: Walzer, Märsche, Polkas, Rheinländer und Schottische. Nach dem 1870/71er Krieg drängten dann verstärkt ehemalige Militärmusiker in die Kapellen:

1892 wird der erste Blasmusikverband gegründet, das Bildungsbürgertum nimmt sich der Blasmusik an. Aus ist's mit dem unbeschwerten Musizieren. … Die meisten Gründungsmitglieder des Verbandes sind örtliche Honoratioren und haben ihr Geltungsbedürfnis bis zu diesem Zeitpunkt im Organisieren des Männergesanges befriedigt; die Blasmusik war ihrem bildungsbürgerlichen Blick bislang entgangen. Das war Musik der kleinen Leute, der Taglöhner, der Bauern und Handwerker, ohne ästhetischen Anspruch eben. Doch das lässt sich ändern. Denn: war die Blasmusik bis zur Gründung der Verbände ihrem Charakter nach eher Gebrauchsmusik, für die Fragen des Niveaus, der Qualität des Gespielten sekundärer Natur waren, versuchen nun diese bürgerlichen Musikfreunde das Blasmusikwesen umzugestalten und der Blasmusik volksmusikalische Elemente auszutreiben. Das Mittel dazu stellt das Wertungsspiel dar, ohne das keines der mit Gründung des Verbandes in Mode gekommenen Musikfeste stattfindet; und dann ist da noch der Massenchor, bei dem alle am Musikfest teilnehmenden Bläser gemeinsam ein Stück spielen. … Das Blasmusikwesen wird vereinheitlicht, standardisiert. … Das Repertoire der Kapellen teilt sich in ein 'niederes' für die Unterhaltung und ein 'hohes' zum aufmerksamen Zuhören. … Die Musiker verlieren die Unbefangenheit im Umgang mit dem musikalischen Material, über das sie früher frei zu verfügen wagten. Erinnern wir uns: eines der wesentlichen Merkmale volksmusikalischen Musizierens war die Variabilität der Themen und Verwendung von 'Spielfiguren'. Deren Zeiten sind nach 1892 vorbei, denn 'die gleiche Figur darf nicht das eine mal so und das andere mal anders gespielt werden'.“

(Peter Ruhr: Mit klingendem Spiel. Badische Blasmusik zwischen der Revolution 1848 und dem ersten Weltkrieg. In: Sabine Schutte (Hrg.): Ich will aber gerade vom Leben singen...Über populäre Musik vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik. Reinbek 1987)

 

Die von Carl Ferdinand Schmalholz geforderte „Verdrängung roher und schmutziger Gassen- und Kneipenlieder“ war rundum erfolgreich, und so notierte der Volkskundler Karl Bohnenberger im Jahre 1915, am Bodensee nicht ein einziges Lied gefunden zu haben.

 

Wir lieben „rohe und schmutzige Gassen- und Kneipenlieder“. Sie sind Teil des Lebens und lebendiger Musik und eine solche hat wenig zu tun mit dem, was heute hierzulande unter „Volksmusik“ verstanden wird. „Eingeborenenmusik“ hat Ecken und Kanten, hinter denen Charaktere hörbar werden ...

                                                                                                         N.H.

 

(erstmals erschienen als Begleittext zur CD „Nur in Konstanz – Eingeborenenmusik vom Westlichen Bodensee“. Konstanz 2004)