Heimatklänge

Ein großes Säckle

 

Das Trio Thomas Banholzer, Norbert Heizmann und Notker Homburger steht für Weltmusik aus Konstanz und unflätige Lieder, die sogar im englischen Sprachraum für Aufsehen sorgen.

 

von Joachim Schneider

 

Darauf muss man erst einmal kommen. Im Fischröckchen umringt von Schilf in einer Brache stehen. Es könnte gut ein Mangroven-Sumpf in den Südstaaten der USA sein, Ukulele und Dobro (Blechgitarre) halten die Musiker in der Hand. Und eine Korbflasche.

 

Doch der Titel macht zumindest die Herkunft eindeutig: „Eingeborenenmusik vom westlichen Bodensee“ heißt das Album, auf dem drei nicht mehr ganz frische Herren abgebildet sind mit Fischen um die Lenden drapiert.

 

Seltsam? Aber ja. Und trotzdem: Diese drei grauhaarigen Herren kann man mittlerweile getrost eine Institution nennen: In der Form machen sie bald 20 Jahre Musik zusammen, Thomas Banholzer und Notker Homburger sind schon seit den frühen 80er Jahren musikalisch verbandelt, Anfang des neuen Jahrtausends kam der Dichter und Sänger Norbert Heizmann dazu. Man wollte nicht immer nur alte Texte vertonen bzw. verloren gegangene Lieder singen, sondern auch eigene, aktuelle Spötteleien und Reime zum Besten geben.

 

Noch unter Homburgers Namen gab es die erste Folge „Nur in Konstanz – Eingeborenenmusik vom westlichen Bodensee“, dort gibt es auch ein paar Hinweise auf das Tun der „Eingeborenen“ (zu finden auch auf der Internetseite).

 

Die Formation sieht sich in einer Tradition, die spätestens Ende des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger verschütt gegangen ist. Sauf-, Spott- und sonstige unflätige Lieder waren schon im Biedermeier verpönt und mussten weichen zugunsten einer organisierten, gepflegten und braven Musiziererei, bei der jegliche Spontaneität und Garstigkeit verloren ging – eine saubere Sache.

 

So ekelte sich die liberale Konstanzer Zeitung 1837 über das gemeine Volk: Denn wer weiß – und es ist leicht zu wissen – welch erbärmliche Lieder, welch elende Gesänge, Zoten und Gassenhauer in dem Munde des Volkes sind, der wird es im Interesse der Humanität und Sittlichkeit finden, diesem, leider allzu lange schon bestehenden moralischen Krebsschaden, durch zweckmäßige Mittel möglichst entgegenzuwirken, und der wird gewiss einige Mühe oder geringe Kosten nicht scheuen, um auch das Seinige hierzu beizutragen … (was) der Wunsch eines jeden Biedermannes sein muss.“

 

Es ist ja immer noch ein bisschen so. An Fasnet oder Fasnacht durfte dann auch mal über die Strenge geschlagen werden, aber unterm Jahr wurde die harmonische Seele gepflegt.

 

Klar, dass den Musikanten die Fasnet nicht unbekannt ist. Das Eröffnungsstück „Schau doch it so bees“ („Guck doch nicht so böse“), in dem allerlei schief oder kaputt geht, funktioniert mit beliebig vielen und hinzugedichteten Strophen auch als Fasnacht-Mitgröhl-Song, obwohl ein Ska-Rhythmus drunter gelegt ist.

 

Schelle, schelle“ danach verlangt schon einiges an Zungenbrecherei und klingt nach den westlichen Appalachen, wäre da nicht dieses ureigene Idiom, das nicht in die USA, sondern nach Südbaden gehört. Weltmusik in Dialekt.

 

Zugegeben, den Dialekt muss man mögen, selbst für Alemannen 100 Kilometer weiter westlich ist nicht alles auf Anhieb zu verstehen, aber nichtsdestotrotz spielen das Trio und seine Gäste eine kosmopolitische und multikulturelle Musik, basierend auf den Memphis-Tennessee-Jug-Bands. Jug Bands waren ungefähr zwischen 1910 und 1935 in den USA sehr populär. Eine Jug Band konnte eine beliebige Streicher- oder Jazz-Kapelle sein, die einen oder mehrere Jugs im Instrumentarium verwendeten. Auf dem Jug – das ist ein Krug, eine Flasche tut's aber auch – wird in der Regel der Bass geblasen.

 

Wenn i dich it hett“ - schreitet im Tango und „die arme Sau“, die da jauchzt wie ein Soulsänger, könnt mal wieder die Wohnung saugen. „Konstanzer Schottisch“ ist ein Schweizer Instrumentalstück aus jener Zeit, den goldenen Zwanzigern: „Schottisch“ bedeutet ein populärer Tanz im Zweivirteltakt. Gemütlich kommt er daher und fast schon meditativ mit Gitarre und Ukulele, Stampfen und Brummen am Schluss.

 

Die Folklore-Welt staunt und der Laie wundert sich. Den Text zum Album schrieb der renommierte britische Kenner und Kritiker Norman Darwen, überhaupt zeigen sich die (englischsprachigen) Magazine, die sich mit solcher Musik befassen, überaus begeistert von den Konstanzer Musikanten. Die Texte muss man ja nicht aufs Wort verstehen. Obwohl: Wie die Heimat zum Luxusdomizil wird – launisch beschrieben in „Oh Konstanz“ - passt fast Wort für Wort auch zu Freiburg. „All's Idiote außer mir“ erzählt von den Nervensägen, die den Alltag vermiesen. Kratzige Slide-Gitarre

und ein nervöser Rhythmus sorgen für die rechte Stimmung.

 

Graserin im kühlen Tau“ geht gar zurück ins 13. Jahrhundert – Hochkultur auf Neu-Hochdeutsch – übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen. Psychedelisch wirkt das Stück wie ein merkwürdiger Traum. Ein paar Jahrhunderte später verpasste ein Bürgermeister die Badische Revolution vor lauter Diskutiererei. Im Lied „Der Wollmatinger Heckerzug“ versteckt die Gattin, schwanger mit dem zwölften Kind, sein Schwert. Die bunte Truppe auf dem Weg nach Stockach muss ohne den Ortschef weiterziehen. Das Lied vertont den Disput zwischen Frau und Mann, Stoff zum Nachdenken: Revolution oder Familie? So gibt es nicht nur musikalisch einiges zu entdecken, sondern auch Historisches.

 

I schenk dir e klänes Säckle“ dürfte eines der schönsten Liebeslieder sein, die je in alemannisch geschrieben worden sind: Gebettet in einen federleichten Calypso-Rhythmus säuselt ein netter Schluckspecht, dass im Täschle nicht nur Fläschle sind, sondern auch sein Herzle.

 

Das Cover übrigens hat der berühmte Robert Crumb gezeichnet, nach einer Idee von Notker Homburger. 2008 kreuzten sich ihre Wege, über die gemeinsame Leidenschaft, alte Schellack-Platten, lernten sie sich kennen. Wie im Album-Heftchen überliefert, mag Crumb zwar die Musik, aber das seltsame Motiv mit den Fischen um die Lenden stellt sogar ihn vor ein Rätsel. Es muss ein Witz der Eingeborenen sein.

 

aus: Netzwerk Südbaden - Das regionale Wirtschaftsmagazin #10 / Oktober 2021 (S.104 - 107)